Samstag, 7. Mai 2016

Hören mit Tom Evans The Mastergroove MKII

Ein Beitrag von Martin Faßnacht

Als langjähriger Besitzer eines Tom Evans „Groove“ wollte ich wissen, was in Punkto Phono-Vorverstärkung noch möglich ist. Das HiFi-Studio Wittmann ermöglichte es mir, ein fabrikneu auf die Mastergroove MKII-Version aufgerüstetes Gerät auszuleihen.

Der Einbau in meine Anlage war trotz der Größe von Verstärker und Netzteil einfacher als erwartet. Von den 8 möglichen Widerstandswerten wählte ich vorläufig 333 Ohm, was ein bisschen unter dem bisher im Groove genutzten Wert liegt. Mit zusätzlicher kapazitiver Anpassung oder mit gesonderten Entkopplungsmaßnahmen wollte ich mich für dieses Probehören noch nicht beschäftigen. Das Netzteil bekam Strom von einem Phonosophie-Netzkabel.

Ein erster Funktionstest machte einen mächtigen Bass hörbar, dann durften sich Netzteil und Verstärker mehrere Tage warmlaufen. Das dauert wohl einfach so lange. Auf ein direktes Vergleichshören zwischen Groove und Mastergroove (mit Umstöpseln des Naim-Tonarmkabels) hatte ich genausowenig Lust wie auf Versuche mit einem anderen Abtaster als meinem Lyra Kleos. Ich wollte einfach nur hören.

Höreindrücke

Ich weiß gar nicht so genau, was ich von einer der weltbesten Phono-Stufen eigentlich erwartet hatte. Irgendetwas Gewaltiges, Spektakuläres, Besonderes. Und diese Erwartung wurde enttäuscht. Da war nichts, was besonders auffällig war. Ich konnte nur einfach so tief wie nie zuvor in die Aufnahmen hineinhören. Beispielhaft seien genannt:

The Temptations: LP „All Directions“ (Motown)
„Papa Was a Rolling Stone“ ist ein total zweidimensional aufgenommenes, aber rhythmisch bezwingendes Stück Musik-Geschichte. Die Stimmen der diversen Sänger sind schön nebeneinander herausgeschält.

Franz Schubert: „Forellenquintett“ in der Interpretation von Clifford Curzon und von Mitgliedern des Wiener Oktetts (Decca)
Habe ich den Kontrabass schon einmal so tief und klar im kompakten Ensembleklang gehört? Wie die dicken Saiten mit dem Bogen gestrichen oder gesägt oder mit dem Finger gezupft werden? Das komplett anders klingende Cello ist im Gegensatz dazu ein melodieführendes Instrument.

„Reinhard Mey live“ (Intercord)
Da steht einfach ein Mann mit seiner Gitarre auf der Bühne einer großen Halle und singt. Es klingt dabei auch mal nicht ganz sauber. Der Beifall ist kein Rauschen, sondern das Geräusch vieler klatschender Hände. Und man ist live in der Halle, ganz nahe vor dem Sänger.

„Barbara chante Barbara“ (Philips)
Rund 50 Jahre alte Aufnahmen, fast nach mono klingend. Der Erhaltungszustand der Platte ist leider nur mit gutem Willen „Very Good“. Die Begleitinstrumente haben lediglich Hintergrund-Charakter. Aber diese Stimme! Mal selbstbewusst, mal frech, mal melancholisch. Und so lebendig!

„Duetti italiani“ (EMI)
Wie unspektakulär spielen Hopkinson Smith und Paul O´Dette auf ihren Lauten! Und weit im Hintergrund kann man Vogelgezwitscher hören. War da im Aufnahmeraum ein Fenster offen?

Modest Mussorgsky: „Bilder einer Ausstellung“
Wie unglaublich unterschiedlich Konzertflügel klingen können! Hier am Beispiel von Maria Yudina (Melodiya) und Byron Janis (Mercury)?

Jack Nitzsche: „The Hot Spot“ (Antilles)
„Coming to Town“ ist ein wunderbar schleppender Blues-Rock mit Gitarre, Bass und Drums, „Well … well“-Gemurmel vom Sänger John Lee Hooker, dazu die gestochen scharfen oder langsam gezogenen Trompetenstöße von Miles Davis im breiten Stereo-Studio-Panorama.

Ballaké Sissoko - Vincent Segal: „Chamber Music“ (No Format)
Glasklar angerissene Klänge der afrikanischen Kora-Harfe, es folgen zuerst gezupfte, dann gestrichene Cello-Töne, elegisch und trotzdem voller Energie. Da hört man nicht wie so häufig im Jazz Thema und Variation, sondern jeder Musiker spielt seine Melodie. Nur selten gibt es Unisono-Passagen. Das ist kein trockener Studio-Klang und keine künstlich hergestellte Atmosphäre, sondern ein künstlerisch gewollter Klang im Raum. Eine wunderbare Welt-Kammermusik in bestechender Aufnahmequalität.

J. J. Cale & Eric Clapton: „The Road to Escondido“ (Reprise)
Bei „Hard to thrill“ gibt es hart geschlagene Percussion, schön wabernde Orgel, die spröde Stimme von Clapton, einen dezenten Bass und erst dann kurze Gitarren-Soli der beiden Heroen. Schön saftiger Studio-Sound.

Johnny Cash: „American Recordings 1“ und „Ain´t no Grave“ (American Recordings)
Mit diesen beiden LPs erlebt man den körperlichen Verfall des Country-Sängers physisch mit: Das erste Album 1994 noch mit Saft und Kraft in der Stimme, der große Mann stehend im Studio. Das letzte Album der Reihe, 2003 kurz vor seinem Tod aufgezeichnet, nur noch mit letzter Kraft sitzend und mit brüchiger Stimme. Trotzdem hört man da keine Agonie, sondern das Resümee eines langen Lebens.

Hector Berlioz: „Symphonie fantastique“ (Decca)
Bei dieser von Zubin Mehta dirigierten Aufnahme erlebt man ein großes, tiefes Orchester-Panorama, die wunderbar ausgeleuchtete Zwiesprache einzelner Instrumente und einen schwer arbeitenden Paukisten.

Male Chorus of the Robert Shaw Chorale: „Sea Shanties“ (RCA Living Stereo)
Wer nicht glauben will, dass ein reiner Männerchor auch sanfte und dabei eben nicht säuselnde Töne anschlagen kann, muss unbedingt „Bound for the Rio Grande“ anhören. Die Mikrofone haben ein wunderbares Chor-Panorama eingefangen.

„Virtuose Tänze“ (Outsider)
Ich kann mir nicht vorstellen, dass man Kammermusik mit Violine und Flügel besser aufnehmen kann. Natürlich muss Carmen Piazzini die Lautstärke ihres Steinways zurücknehmen, um die Viotti-Geige nicht zu übertönen. Aber das Zurücknehmen geht nicht zu Lasten der Intensität ihres Spiels. Und Winfried Rüssmann gibt diesen kurzen Werken – die eigentlich eher Zirkusstücke für die Violine mit Klavierbegleitung sind - ohne jede Zurückhaltung das notwendige Feuer mit.

Lou Reed: „Transformer“ (RCA)
Detailauflösung vom Feinsten zeigt das unsterbliche „Walk on the Wild Side“: Es lebt nicht nur vom tollen Rhythmus des tief schnalzenden Basses und der einmaligen Sprech-Stimme von Lou Reed, sondern auch von solch kleinen Einschüben wie dem jubilierenden Frauenchor, der langsam in den Vordergrund gemischt wurde, und von der schön fetten Saxofon-Melodie kurz vor dem Ausblenden des Songs.

Zusammenfassung

Schon der kleine „The Groove“ ist für seinen Preis ein verdammt gutes Gerät, mit dem ich auch weiterhin glücklich meine LPs abspielen könnte. Aber der große Bruder Mastergroove kann eben – wie alle großen Brüder – alles noch besser (leider wie immer im HiFi-Leben für unverhältnismäßig mehr Geld):
  • Er ist tonal vom tiefsten Bass bis zur oberen Hörschwelle völlig ausgeglichen, das heißt, er fügt dem Klang keine eigene Prägung zu, gibt Orgel-Bässe genauso ungerührt wieder wie den Klang der E-Saite einer Gitarre oder einen Triangel-Tupfer.
  • Er ist völlig durchlässig in dem Sinn, dass er alles, was Abtaster, Tonarm und Laufwerk aus der Rille der LP extrahieren und per Kabel bei ihm anliefern, ohne jede Einmischung an den Hochpegel-Vorverstärker weiterreicht. Sind die Rillen einer LP beschädigt, wird diese Information an den Hörer weitergereicht, sie beeinträchtigt aber nicht die Intention des gehörten Stücks.
  • Er folgt völlig mühelos jeder Dynamik-Änderung vom Einatmen des Dirigenten bis zum forte fortissimo des großen Sinfonieorchesters, vom Antupfen eines Beckens bis zum härtesten Bearbeiten einer Kickdrum.
  • Weder in der Stereo-Breite noch in der räumlichen Tiefe noch in der vertikalen Darstellung von Klangereignissen sehe ich eine Beschränkung: Die jeweilige Ausdehnung geben nur die Aufnahme und die Aufstellung der Lautsprecher im Hörraum vor.
  • Wo im Raum ein Schallereignis stattfindet und wie sich der Ton ausbreitet, ist ebenso mühelos zu erkennen wie die akustische Charakteristik des Aufnahmeraums.
  • Rauschen und Brummen bei ruhendem Abtaster und Aufdrehen der Lautstärke am Hochpegel-Verstärker sind natürlich vernehmbarer als beim Eingang des CD-Signals, am Hörplatz aber erst bei einer Pegelstellung hörbar, mit der ich niemals Musik hören würde.
  • Und die vielleicht wichtigste Eigenschaft von allen: Wie das Gerät dem Hörer die Illusion vermittelt, bei der Aufnahme live dabei zu ein, in das Studio, in den Konzertsaal, in die Halle, in die Kirche oder in den Aufnahmeraum hineinzuhören, ist schon frappierend.
  • Einschränkungen? Keine.

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