Mittwoch, 31. Januar 2018

Music Day Januar 2018 - Tangential- oder Drehtonarm: Ein interessanter Vergleich

Ein Beitrag von Rainer Götz

In der Fachpresse ist hin und wieder von einer „Überlegenheit“ der Tangentialtonarme gegenüber ihren radial abtastenden „Brüdern“ zu lesen. Oliver Wittmann und Markus Nolden wollten im Rahmen ihres monatlich stattfindenden Music Days aufzeigen, was an den Behauptungen dran ist, und zur Versachlichung der Diskussion beitragen. Dazu hatten sie Melanie Groetsch von Clearaudio als Special Guest und „Master of Ceremonies“ für den Music Day eingeladen.

Melanie Groetsch führte mit Hilfe von drei Laufwerken die prinzipbedingten Unterschiede zwischen Drehtonarmen und Tangentialarmen vor. Der im fränkischen Erlangen beheimatete Hersteller feiert in diesem Jahr sein 40-jähriges Bestehen, hat also eine lange Historie, was analoge Musikwiedergabe angeht. Neben Plattenspielern und Tonarmen sind auch Tonabnehmersysteme und Plattenwaschmaschinen eng mit dem Namen Clearaudio verbunden.

Für einen direkten Vergleich standen zwei Clearaudio Concept mit identischer Systembestückung bereit. Der eine mit dem Satisfy-Arm, der andere mit dem TT5-Tangentialtonarm auf der Swing Base des Erlanger Herstellers montiert.

Eine Stufe höher, auf dem mit zwei Armen bestückbaren Clearaudio Innovation, spielten der 9 Zoll-Arm Universal (es gibt den Universal auch in einer 12-Zoll-Variante) und der TT-3-Tangentialtonarm. Bei beiden Tangentialtonarmen läuft übrigens der Schlitten, auf dem der Tonabnehmer montiert ist, nahezu reibungslos, einzig von der Abtastnadel gezogen, spurfehlwinkelfrei nach innen auf analoger Ideallinie, also so, wie sie beim Schneiden vorgegeben wurde. Tonabnehmersystem in beiden Armen war das Clearaudio Charisma, das sich durch ein besonders gutes Preis-/Leistungsverhältnis auszeichnet.

Für die Phonoverstärkung und Entzerrung wurde der bewährte Tom Evans The Groove Anniversary MKII eingesetzt. HiFi-Studio Wittmann ist ja bekanntermaßen der offizielle Distributor für Tom-Evans-Produkte in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Als Verstärker lief – im Gegensatz zur Ankündigung – nicht der Octave Audio V 80 SE, sondern der etwas stärkere Octave Audio V 110 SE, bestückt mit KT 120-Endstufenröhren. Das Netzteil wurde durch die „Black Box“ von Octave dabei nochmals unterstützt.

Der Lautsprecher wurde bei der Vorführung, die ja die Unterschiede der Tonarmprinzipien herausarbeiten sollte, leider etwas stiefmütterlich behandelt. Es handelte sich um den formidablen ProAc D48 R. Ein klassischer englischer 2-Wege-Standlautsprecher mit Bändchenhochtöner. Ich denke, wir werden in den nächsten Wochen und Monaten mehr über ProAc und den D48R hören. Watch this space...

Doch jetzt zum Vergleich Tangential gegen Radial: Gerade menschliche Stimmen eignen sich je ganz besonders für Hörvergleiche. Damit begann dann auch die Demonstration. Die Aufnahme über den Concept mit dem T5-Tangentialtonarm klang für mich offener und freier, während der Radialtonarm im Bassbereich etwas mehr Zeichnung hatte. Gegencheck mit Eva Cassidy auf dem „großen“ Innovation mit dem TT3: Gleiche Tendenz. Das eingesetzte Exemplar der LP „Nightbird“ war zudem nicht ganz ordentlich gefertigt und wies u.a. größere Toleranzen beim Mittelloch der LP auf. Der Tangentialtonarm steckte diese weg, während der Universal den Mangel deutlich offenlegte.

Dann Klassik. Claude Debussys „Iberia“ unter dem Dirigat von Fritz Reiner mit dem Chicago Symphony Orchestra ist eine der ganz großen Living Stereo-Veröffentlichungen der RCA. Es verblüfft immer wieder, wie diese frühe Stereo-Aufnahme in der Lage ist, Raum und Orchester zu reproduzieren und im Wohnraum oder Studio abzubilden. Aufgezeichnet mit für heutige Verhältnisse rudimentärer Röhrentechnik. Die Aufnahme erlangte abseits von der Kunst Fritz Reiners und des CSO durch einen anderen Umstand Berühmtheit: Achten Sie mal drauf, wenn im zweiten Satz "Les parfums de la nuit" (gleich in der ersten Minute) im Hintergrund und natürlich ganz leise offenbar ein Presslufthammer auf einer Baustelle in der Nähe der Orchestra Hall in die Musik „einstimmt“...

Wieder hatte im direkten Vergleich die über den Tangentialtonarm abgespielte LP mehr Durchzeichnung und Klangfarben. Einer für meine Ohren ganz leicht vorhandener Anflug von Aggressivität bei den Streichern war bei der tangentialen Abtastung verschwunden. Vermutlich, so Melanie Groetsch, konnte der auf dem Innovation montierte TT3 durch den Wegfall der Skatingkräfte hier punkten. Quervergleiche mit Lou Reeds „Walk on the Wild Side“ und dem Duo Hans Theessink und Terry Evans mit ihrer LP "Visions" zeigten dasselbe Ergebnis. Auch die Sprachverständlichkeit nahm zu und die Zuhörer konnten so den eindeutig-zweideutigen Aussagen von Lou Reeds Meisterwerk besser folgen.

Krönender Abschluss war dann eine der Ikonen der US-Bürgerrechtsbewegung: Harry Belafonte. Natürlich das letzte Stück aus dem legendären Carnegie Hall-Konzert: Mathilda. Tangential: Weniger Abtastverzerrungen trotz der Platzierung des Stückes am Ende der LP – auch nicht, je näher man den Auslaufrillen kam. Aber gleichgültig ob tangential oder radial macht diese Aufnahme immer wieder ungeheuren Spaß und transportiert die Atmosphäre aus der Carnegie Hall gelungen ins heimische Wohnzimmer.

Um es ganz deutlich zu sagen: Die Unterschiede waren vorhanden und wahrnehmbar, aber natürlich ist dies „Meckern auf höchstem Niveau“. Letztlich muss natürlich jeder für sich selbst entscheiden, wie und mit was er hört. Sowohl die Tangential- wie auch die Radialtonarme von Clearaudio sind alle vier feinmechanische Meisterwerke, allenfalls mit den Chronometern und Luxusuhren aus Sachsen oder der Schweiz vergleichbar.

Auch hier gilt: Viele Wege führen nach Rom (und zum Erfolg). Auch „herkömmliche“ Arme taugen zum Musikgenuss. Ob mit oder ohne Silikondämpfung, in 9-, 10- oder 12-Zoll-Länge und vielleicht sogar ganz ohne Anti-Skating-Kompensation, wovon zumindest zwei Anbieter überzeugt sind. Lassen Sie sich bei Ihrem Fachhändler beraten. Vinyl-Spezialisten wie Oliver Wittmann und Markus Nolden kennen den Markt und wissen, welcher Tonarm – tangential oder radial – auf Ihr Laufwerk und Ihren Tonabnehmer abgestimmt ist. Und die Vinyl-Experten im Hause Wittmann bauen die Tonarm-/Tonabnehmer-Symbiose auch noch optimal auf dem Vinyllaufwerk auf – gleichgültig ob Masselaufwerk oder Subchassis.

Der Vergleich im Rahmen des Music Day am 25. Januar 2018 war in jedem Fall hochinteressant und lehrreich. Melanie Groetsch von Clearaudio widerstand erfreulicherweise der Versuchung, eine Clearaudio-Verkaufsveranstaltung abzuhalten, sondern hielt sich meist dezent zurück und überzeugte mit Fachkenntnis. Insgesamt eine gelungene Veranstaltung mit nachhaltiger Wirkung.

Weitere Informationen finden Sie hier:

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