Samstag, 22. Oktober 2016

Westdeutsche HiFi-Tage Bonn 2016 - Von der politischen High Society zur Highend

Text und Fotos: Rainer Götz

Bei den bereits zum 7. Mal abgehaltenen Westdeutschen HiFi-Tagen am 2./3. Oktober 2016 präsentierten wieder mehr als 100 Hersteller und Vertriebe Neuheiten oder Raritäten, aber auch altbekannte, renommierte HiFi-Komponenten. Zusammen mit den Norddeutschen HiFi-Tagen in Hamburg ist dies, abgesehen natürlich von der HighEnd in München, die bedeutendste Messe für hochwertige Musikwiedergabe in Deutschland. Wie in Hamburg ist ein örtlicher Fachhändler Initiator und Organisator dieser Veranstaltung.

Ich will hier meine Eindrücke schildern - ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Bei einigen Vorführungen waren die Zimmer „gerammelt voll“, so dass ein objektives Urteil über die Präsentation nicht möglich war. Außerdem beschränke ich mich auf Hersteller, die bei Oliver Wittmann im Programm sind. Wer sich breiter über die Messe informieren will, dem empfehle ich die Artikel in der Fachpresse oder im Netz, z.B. hier:
Mein erster Besuch am Samstag 2.10. galt den Aktivlautsprechern von Kii. Dort spielte in gewohnter Präzision die Kii Three. Dieser Ausnahmelautsprecher wurde bei Oliver Wittmann im Rahmen eines Music Day ausführlich vorgestellt und hier im Blog auch besprochen (siehe hier).

Einige Zimmer weiter präsentierte Audioplan sein aktuelles Programm. Die Audioplan Concert III, die ja schon einige Jahre im Programm ist, spielte luftig und frei, machte also schlichtweg Spaß. Angesteuert wurde der Lautsprecher mit den italienischen Verstärkern und Lautsprechern von Norma. Schlicht im Äußeren, aber mit viel musikalischem Potential.

Einer der Höhepunkte war die Vorführung bei Linn. In einem akustisch wirklich schlechten Raum, die Anlage und die Lautsprecher dann auch noch an der Längsseite platziert, wurde eindrucksvoll demonstriert, wie mit der Raumeinmessung durch das Exakt-System/Space Optimisation von Linn auch solchen problematischen Räumlichkeiten beizukommen ist. Der legendäre Linn LP 12 in der Vollausstattung diente als Programmquelle und überzeugte wieder mal die Zuhörer.

Ein Zimmer weiter spielte eine PS Audio Anlage mit kräftiger Unterstützung durch den AHP PMR (Passiver Multivocal Resonator). Für runde 1.700,- Euro wird die Musik dynamischer und plastischer im Raum dargeboten. Das kann man nicht beschreiben, ohne in den Verdacht des Voodoo zu kommen. Das muss man bei Oliver Wittmann mal vorgeführt bekommen, um es zu glauben.

Nächster: Avantgarde Acoustic. Leider war der Raum überfüllt. Es spielte die Zero 1. Die nervige Musik, irgendwas poppiges, war leider so gar nicht mein Geschmack und – wie so oft bei Vorführungen von Avantgarde Acoustic – viel, viel zu laut. Schade, denn der Zero 1 XD ist für mich eines der – durchaus noch bezahlbaren – Highlights im Programm dieses Herstellers aus dem Lautertal. Da habe ich bei Oliver Wittmann schon musikalischere Vorführungen gehört.

Über die Focal Sopra Nr. 3 habe ich hier im Blog anlässlich des Music Day am 29.09.2016 berichtet, so dass ich hier nicht weiter darauf eingehen will (siehe hier). In Bonn spielten die Sopra Nr. 3 an Naim Elektronik absolut souverän.

Eines der überragenden Highlights der Bonner Show war – wieder mal – die Vorführung bei Jan Sieveking. Gut, er hat auch die entsprechende Software und führte mit Beispielen aus seinem audiophilen CD-Vertriebsprogamm vor. Man merkte aber auch, dass hier die Anlage extrem sorgfältig unter Verwendung von Raumtuning-Elementen usw. aufgebaut wurde. Hier liebt jemand tatsächlich Musik!

Der Lautsprecher war ein alter Favorit von Oliver Wittmann, die Verity Audio Parsifal Anniversary. Elektronik kommt von Audia Flight aus Italien und die Kabel von Cardas aus den USA. Die Kombination aus Verity Audio und der Audia Flight Strumenti-Serie überzeugte ja schon bei der „Highend on Tour“ in Stuttgart im Frühjahr diesen Jahres. Schön auch ein gut sichtbar präsentiertes Poster für die Lohengrin IIS, mit einem Foto-Portrait von Oliver Wittmann im Schlosserhemd.

Gaudios Klangkonzepte hat neben seinen bewährten Produkten (Nagra, Brinkmann, Whest usw.) jetzt neu den Vertrieb für Sudgen und Falcon Acoustics übernommen. Eine Kombination aus Sudgen Class-A-Vor/Endstufe und der Neuauflage des legenden BBC-Minimonitors LS 3/5a wurde in Bonn vorgestellt. Ebenso ein neuer Standlautsprecher von Marten, zu Ehren des großen Jazz-Bassisten auf den Namen Mingus hörend. Die Analogschiene wurde von einem Kuzma Stabi Reference mit Kuzma Four Point 4P-Tonarm abgedeckt.

Während der gesamten Messe veranstaltete die Zeitschrift STEREO diverse Workshops mit Matthias Böde. Einige habe ich besucht. Besonders eindringlich war eben der bei Gaudios Klangkonzepte. Im Mittelpunkt standen dabei die Entkoppler von Ansuz. Das Wort Ansuz kommt aus der norwegischen Mythologie und ist eine Rune der Götter, die für Kommunikation, Kreativität, kontrollierte und göttliche Macht und Spiritualität steht, es ist auch die Rune für Prophezeiung und Offenbarung.

Es gibt drei Stufen der Ansuz Entkopplers: Aluminium, Ceramic und Diamond. Mit Beispielen aus den STEREO-Hörtest-CDs wurden die Unterschiede herausgearbeitet. Der Sprung von „ohne Entkoppler“ auf die Alu-Ausführung war schon deutlich wahrnehmbar. Am Besten – wer hätte das gedacht – klangen die Ansuz Diamond. Hier war im direkten Vergleich zur Ceramic-Version nochmals ein deutlicher Fortschritt in Richtung Präzision und Schnelligkeit und verbesserter Räumlichkeit zu hören.

Ich sage und meine tatsächlich deutlich: nahezu alle der ca. 30-40 Zuhörer haben dies so wahrgenommen. Also kein Voodoo oder Autosuggestion, sondern real. Ich denke, wir haben bald die Möglichkeit, die Ansuz Entkoppler auch in Stuttgart und Isny zu hören und uns überraschen zu lassen. Apropos Überraschung. Matthias Böde spielte dann eine LP auf dem Kuzma Stabi Reference. Zuerst ohne Plattenklemme, dann mit der Kuzma-Ebenholz-Plattenklemme: auch hier eine klare und deutliche Verbesserung. Mehr Raum, bessere Dynamik. Am besten mal selbst anhören …

Neu bei Electrocompaniet der EC Living. Ein Lautsprecher mit integriertem Streamer, Wandler, Verstärker, 2-Weg-Lautsprecher. Mit Tablet oder iPhone steuerbar, auch mit Bluetooth. Dem Naim Mu-so von Naim nicht unähnlich. Für die Größe und was die Norweger da alles reingepackt haben erstaunlich.

Endlich wieder eine Vorführung von Rolf Gemein von Symphonic Line bei einer HiFi-Show. Meist saß der Meister ja sonst nur als „Gesamtkunstwerk“ in seinem Messestand. Er spielte in Bonn die Lautsprecher RG5 Reference mit einem Vollverstärker RG9 in Chromausführung. Alles klang wie aus einem Stück und Guss. Sehr gelungene Vorführung. Bei Rolf Gemein meint man in jedem Wort, dessen Liebe zur Musik heraushören zu können. Ein Urgestein der Highend-Branche.

Zubehör satt gab es schließlich bei SoReal Audio zu sehen und zu hören. Ich will hier nur den Acoustic Reverie RR-77 Schumann Frequenz-Generator erwähnen, der bei Oliver Wittmann in seinem Studio auch im Einsatz ist. Interessant ist, dass SoReal Audio eine Zusammenarbeit mit Othmar Spitaler, dem Mann hinter den Artkustik Animatioren, begonnen hat. Ich habe mich mit dem „Pensionisten“ Spitaler am Rande der Messe unterhalten. Wenn er nicht seine mehrere zehntausend LPs umfassende Plattensammlung genießt, dann entwickelt er einen Plattenspieler und evtl. Elektronik für den nicht-österreichischen Markt für den Vertrieb über SoReal. Ein Prototyp des Plattenspielers war schon zu hören und zu sehen. Spannend.

T+A stellte den Netzwerk-Client MP 2000 R Mk II, den Vollverstärker PA 2500 R und den Plattenspieler G 2000 R sowie die Lautsprecher Criterion TCD 110 S vor. Solider, gelungener Auftritt. Matthias Böde nutzte diese Anlage im Rahmen eines seiner Workshops, um Unterschiede zwischen den Datenformaten (MP3, CD-Auflösung, HighRes-Daten) zu demonstrieren.

Jadis stellte sich in den Zimmern seines deutschen Vertriebspartners u.a. mit einem Vollverstärker mit integrierter Klangregelung vor. Habe nur kurz reingehört. Nicht schlecht.

Dies waren meine subjektiven Eindrücke von den Westdeutschen HiFi-Tagen. Insgesamt eine gelungene Messe mit großem Publikumsandrang und Interesse an unserem Hobby. Beweis dafür: Der Geschäftsführer des FIDELITY-Verlages Ingo Schulz erzählte mir, das sie eine große Menge der neuen FIDELITY-Ausgabe für den Verkauf am Messestand mit nach Bonn gebracht haben. Das Heft war binnen weniger Stunden am Sonntag Vormittag schon restlos vergriffen.

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